“Apfeltommerl” und über den zeitlosen Wert, wertvoll essen zu geben

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Gastbeitrag Stephanie Fuchs, 33 Food-Journalistin & Tochter

Am Anfang steht die Frage, ob es überhaupt zulässig ist, sich als kinderlose Mitdreißigerin laut Gedanken zu machen über Kindesaufzucht (ganz generell) und die damit verbundene Notwendigkeit, die Aufzuziehenden zu ernähren (ganz speziell). Weil ich eben tatsächlich nicht weiß, wie es ist, wenn mich nachts alle zwei Stunden ein sehr hungriges (oder bauchschmerzgeplagtes, oder windelvolles, oder schlicht unzufriedenes …) Würmchen anplärrt. Wie viele Ausprägungsstufen „Müdigkeit“ annehmen kann. Und wie kurz man davor steht, wahnsinnig zu werden, wenn man nach einem Arbeitstag den Nachwuchs aus der Krippe holt, sich an den Herd schleppt, vom Herd aus Essen zum Kinde schleppt, das diesen Akt der Aufopferung mit einem feinen Lächeln im Gesicht und leidvollem Ausspucken des Zubereiteten quittiert.

Zum wirklich vollwertigen Diskussionsteilnehmer im Kreis derer, die bereits neues Leben in die Welt gesetzt haben, werde ich also erst aufsteigen, wenn mich mein eigenes Würmchen das erste Mal anschreit.

Aber ich habe eine Meinung. Insbesondere darüber, warum es sinnvoll ist, seine Kinder kindgerecht zu ernähren. Und was „kindgerecht“ überhaupt bedeutet. Eine Meinung, die ich mir im Laufe der letzten zwei Jahre gebildet habe, in denen ich Annika und ihre Mama Eva sehr intensiv begleiten durfte. In ihrer Küche. An ihrem Esstisch. Das ist die Gegenwart.
Eine Meinung, die aber auch stark beeinflusst ist von der Vergangenheit. Der eigenen Kindheit. Die –insbesondere was das Thema Ernährung angeht – erstaunliche Parallelen zu dem Weg aufweist, den „Junika“ und ihre Mütter eingeschlagen haben.

Die eigene Kindheit also.

Ich hatte das große Glück, am Land aufzuwachsen. In einer Zeit, in denen das Wort „bio“ noch gar nicht existierte, weil es das Gegenteil von „bio“ nicht existierte. Und ich hatte das Glück, Eltern zu haben, denen es enorm wichtig war, ihren Kindern den Wert eines Lebensmittels deutlich vor Augen zu führen. Denen es wichtig war, Lebensmittel selbst anzubauen und uns näher zu bringen, wie Lebensmittel produziert werden. Eine Notwendigkeit, teilweise, denn eine durchschnittliche Kleinfamilie mit einem Kredit, einem Haus und zwei kleinen Kindern hatte anno 1983 nicht die Möglichkeit, sich im Supermarkt finanziell auszutoben. Aber auch eine Entscheidung. Denn meinen Erziehungsberechtigten war es ganz und gar nicht egal war, was wir Kinder essen.
Meine Mutter stillte mich mit sechs Monaten ab, um möglichst schnell wieder ihren Job als Volksschullehrerin aufnehmen zu können. Auch das war eine Notwendigkeit. Ebenso notwendig, irgendwie aber auch selbstverständlich, fand sie es nach Hause zu kommen, in die Küche zu gehen und Dinkelbrot für uns backen. Birnen und Apfelmus in kleine Gläser abzufüllen. Hipp-Gläser zu kaufen wäre meiner Mutter niemals in den Sinn gekommen. Niemals wäre auf unserem Tisch eine handelsübliche Semmel gelandet. Weißbrot, sagte Mama, braucht der Körper nicht. Es gab auch keine Limonade aus dem Supermarkt. Niemals. Keine Cola. Diesen ganzen Zucker, sagte Mama, braucht euer Körper nicht. Es gab also Leitungswasser. Mit ein bisschen Zitronen- oder Kiwisaft drin. Die Kiwis wuchsen bei uns hinterm Haus.

Überhaupt Zucker. Raffinierter Zucker war für uns eine kleine Sensation. Er fehlte uns aber auch nicht wirklich. Wir hatten immerhin tonnenweise Honig zu Hause. Und Obstbäume en masse. Mamas Kuchen bekamen jede Menge Honig ab, und Früchte. Ein Mal pro halbes Jahr fuhren wie gemeinsam zum Metro-Markt und wir Kinder durften uns Saure Schlangen aussuchen. Das war es mit den Süßigkeiten. Ihr braucht das nicht, sagte Mama, und sie hatte Recht. Denn sie buk Kuchen. Und es kam sehr, sehr selten vor (auch, wenn Mama müde war und wir lästig), dass sie abends nicht in der Küche stand und für uns kochte. Kein 3-Gang-Menü. Einfache Dinge, 20-Minuten-Essen, wunderbar simpel, frisch, saisonal. Normal, hätte Mama gesagt. Die Dinge, das waren zum Beispiel: Sterz (Polenta) mit einem Glas kalter Milch. Reisauflauf mit Apfelmus. Palatschinken. Selbst gemachte Pizza (ein Kinder-Highlight). Gekochtes Rindfleisch in Essig und Öl. Und oft, sehr oft, einfach nur alles, was grade im Garten wuchs. Radieschen. Paprika. Tomaten. Zucchini. Und Dinkelweckerl natürlich.

Ich habe das große Glück, zu wissen, wie Lebensmittel unverfälscht schmecken. Es ist ein Luxus, den ich erst viele Jahre später als solchen erkennen konnte.
Ich habe niemals in meinem Leben McDonalds vermisst. Keine übersüßten Joghurts. Keine Schokobons. Keine Tütensuppe.

Wenn ich sehe und erlebe, wie Annika und Juni essen, wie viel Freude sie daran haben, am Tisch zu sitzen, alles zu kosten, anzugreifen, reinzubeißen, zu zermanschen, zu schmecken, dann sehe ich mich auch ein wenig selbst als Kind. Welche Freude ich daran hatte, Lebensmittel für mich zu entdecken. Und wie sehr es mich und mein heutiges Essverhalten geprägt hat.
Es mag Menschen geben, die jetzt sagen: Na gut, eine Kindheit auf dem Land, das ist ja nicht zu vergleichen mit einem urbanen Umfeld. Wir haben ja keinen Zugriff auf diese wertvollen Lebensmittel. Ich glaube, das stimmt so nicht. Es ist möglich, sich und seine Familie bewusst und mit Produkten von hoher Güte zu ernähren. Auch in einem urbanen Umfeld. Und es ist möglich, Gerichte auf den Tisch zu bringen, die weder überzuckert, noch übersalzen sind und trotzdem unglaublich gut schmecken.
Es ist – und auch daran glaube ich – auch für Mütter der heutigen Generation möglich, sich die Zeit zu nehmen, frisch zu kochen. Mütter, die arbeiten gehen. Mütter, die müde sind. Ist es eine Herausforderung? Ja. Ganz bestimmt. Und wäre meine Mutter noch bei mir, dann würde sie das bestätigen. Aber es geht. Mit den richtigen Rezepten und Produkten und mit einem starken Bewusstsein dafür, dass es nicht egal ist, was Kinder essen.

Irgendwann, hoffe ich, wird der Tag kommen, an dem ich mir laut und in Echt Gedanken machen werde über Kindesaufzucht und die damit verbundene Notwendigkeit, die Aufzuziehenden zu ernähren. Ich werde es mit meiner Mama halten. Die 1983 schon ein bisschen „Junika“ war.

Und das ist auch gut so.
IchmitSchürze (Stephanie, 1983)

Mehr über Stephie erfahrt ihr hier

Rezept aus Stephies Kindheit “Apfeltommerl” 4 Personen
1/4 l Mandel-Milch,
250 g Dinkel-Mehl,
3 Dotter,
optional 1 Tl Kokosblüten- oder Birkenzucker,
20 g Butter,
1 Handvoll Rosinen,
5 – 6 Äpfel
Zimt zum Bestreuen

In einem Topf die Milch, das Mehl, die Dotter, und falls gewünscht den Zucker verrühren und mit der Butter auf ganz kleiner Flamme zergehen lassen (Achtung, sonst stocken die Dotter!), Rosinen und kleingeschnittene, geschälte säuerliche Äpfel unterziehen, in eine gefettete füllen, im Rohr etwa eine Stunde bei ca. 150-160 Grad backen. Stürzen und mit Zimt bestreuen.



Kommentare

  1. Daniela

    Das hört sich nach einer wundervollen Kindheit an, wie es sich jeder wünschen kann und wie es jedes Kind verdient hat!

    1. Author
      Junika

      Ja, liebe Daniela, da schließen wir uns deiner Meinung an und hoffen, dass wir unseren Zwergen gute Vorbilder sind 🙂

  2. Doris

    Hallo!

    Hat deine Mutter tatsächlich Mandelmilch und Kokosblüten- bzw Birkenzucker verwendet? Was ist die ALternative zu diesen Zuckerarten?

    LG,
    Doris

    1. Author
      Junika

      Liebe Doris, nein damals kannten die Mamas weder Birkenzucker noch Kokosblütenzucker. Auch Mandelmilch war eher unbekannt. Dies haben wir heutigen Erkenntnissen angepasst – selbstverständlich kannst Du herkömmlichen Industriezucker und Vollmilch verwenden. Wir verzichten weitgehend darauf, dass muss aber natürlich jede Familie für sich entscheiden. Alles Liebe, Junika Mama Eva

  3. martina

    Danke für diesen wunderbaren artikel, und für das wort “apfeltommerl” das letzte mal vor 15 jahren gehört….mein Highlight als kind war sterz mit buttermilch. Ich wuchs in graz auf bin nun fast mitte dreißig und meine kindheit war wie deine, zumindest was das essen betrifft. Wir dürfen uns glücklich schätzen unseren kindern auch obst und gemüse aus dem garten bieten zu können.

    1. Author
      Junika

      Liebe Martina, danke für deine Worte, es ist toll, dass so viele dieser Mamas gab. Ein riesiges Dankeschön an alle heutigen Omas, die damals schon so gute Vorbilder waren 🙂

  4. Anna

    Hallo!

    Das werde ich bald mal ausprobieren! Habt ihr eine Idee was man mit dem Eiklar machen kann?

    LG,
    Anna

    1. Author
      Junika

      Liebe Anna, Eiklar lässt sich super portionsweise einfrieren und bei Bedarf auftauen, falls Dir mal ein Rezept dazwischen kommt (dasselbe gilt übrigens für Eigelb). Der Klassiker für Eiklar sind “Pavlova” oder “Baiser” – mit etwas Birkenzucker & frischen Fürchten gerade für den Sommer ein Hit. Ich werde in den kommenden Tagen dafür ein Rezept vorstellen. Alles Liebe und schönes Wochenende, Junika Mama Eva

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